Psychoanalyse – zeitgemäß?

„die Psychoanalyse kann nur dort gedeihen, wo Freiheit des Gedankens herrscht“  (A. Freud in einem Brief an A.Aichhorn (1946)

Ist Psychoanalyse/Tiefenpsychologie für junge Menschen noch zeitgemäß? Sollten ältere Psychoanalytiker aufhören, mit jungen Menschen zu arbeiten, weil sie die ja doch nicht verstehen?

Wie „krank“ ist unsere junge Gesellschaft und braucht sie zur „Genesung“ uns Psychoanalytiker? Und können wir über die eigentliche Krankenbehandlung hinaus jungen Menschen noch etwas mitgeben?

Ist das obige Zitat auch eine Aufforderung, mit jungen Menschen an dieser Freiheit der Gedanken und Toleranz zu arbeiten? Ist es, besonders in der Arbeit mit jungen Menschen, immer sinnvoll, sich auf Neurotisches zurückzuziehen und den Rest der Welt auszusparen?

 

Wenn wir uns praktisch mit Kindern beschäftigen wollen, sei es als Psychologen, als Kinder-Psychotherapeuten, Facherzieher, Heilpädagogen oder Eltern, dann setzen wir voraus, dass wir diese Kinder verstehen. Wir nehmen dies ohne weiteres an – und wir sind davon von vorneherein dermassen überzeugt, dass wir keinen Augenblick daran denken, unser eigenes Handeln in Frage zu stellen!
Ich bin fest davon überzeugt, dass wir viele Kinder und Jugendliche nur ungenügend oder gar nicht verstehen, und es in den wenigsten Fällen wirklich versuchen. Ich würde mich freuen, wenn Sie mich jetzt nicht direkt ablehnen und mir Ihr kritisches Wohlwollen entgegenbringen wollen.

Aber wie ist das zu erreichen?

Man muss die Notwendigkeit, die Unausweichlichkeit einer Situation lieben. Nicht einfach akzeptieren, sondern lieben„, sagt Spinoza.

Muss man? Oder kann man sich wehren, auflehnen, protestieren, vielleicht sogar kämpfen?

Das frage ich mich immer wieder und möchte Gegebenheiten oft nicht wirklich akzeptieren. Besonders im beruflichen Bereich ist Veränderung und dessen Möglichkeit, aber auch Unmöglichkeit immer wieder die Frage, die auch dahin geht, wie weit man sie akzeptiert oder nicht.

Im Jahr 1900 veröffentlichte Freud seine „Traumdeutung“ und damit begann die Psychoanalyse. Auch wenn Karl Krauss sie mal als „die Krankheit für deren Heilung sie sich hält“ bezeichnet hat, hat sie sich doch erstaunlich gut gehalten. Sie hat zwei Kriege überstanden, sie hat sich weiterentwickelt, ist dann aber, im Zuge der Restauration nach dem zweiten Weltkrieg, irgendwo stecken geblieben. Geprägt von Konservativismus und (unrealistischem?) Festhalten an Althergebrachtem scheint sie den Freiheitsverlust schon immer propagiert zu haben. –

Sollte sie nicht vielmehr Freiheit bringen? War nicht der Gedanke dahinter ein Mehr an Verstehen und damit besserer persönlicher Entwicklung? War nicht der Grundgedanke hinter der Psychoanalyse sehr viel weitreichender als nur medizinisch/psychologisch?

Stammt nicht von Freud der Satz: „…etwas von den menschlichen Rätseln dieser Welt zu verstehen und vielleicht selbst etwas zu ihrer Lösung beizutragen.“ (1927, Nachwort zur Frage der Laienanalyse)?
…und auch: „Eine Theorie über das Seelenleben schlechthin – auch das gesunde“

Ist nicht vielmehr erst nach dem 2. WK im Zuge der verzweifelten Bemühungen, die Psychoanalyse zu rehabilitieren bzw ihre Unschuld zu beweisen dieser Abschottungsgedanke und die Konzentrierung auf Beseitigung alles „Unnormalen“ (=Krankhaften) aufgetaucht? Musste nicht beim Versuch, sich selbst zu heilen, die Psychoanalyse (ganz klassische Lehre) sich auf dieses Gebiet konzentrieren und z.B. die kulturellen, gesellschaftlichen und pädagogischen Aspekte verdrängen?

Die DPG wurde 1938 aufgelöst. Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich im selben Jahr emigrierten Sigmund Freud, Anna Freud und andere Wiener Analytiker nach Großbritannien. Freud starb am 23. September 1939.
„Mit der Emigration hat eine neue Epoche begonnen, aus der die Psychoanalyse beschädigt hervorgegangen ist.“ (Paul Parin). Politisch engagierte Psychoanalytiker konnten ihre gesellschaftskritischen Diskussionen nur noch in privaten Zirkeln fortsetzen. Die Medizinalisierung der Psychoanalyse in den USA (Reduktion der Psychoanalyse auf Psychotherapie mit dem Ziel der Anpassung des Individuums) wirkte nach dem Zweiten Weltkrieg auf Europa zurück.

Leider sind dadurch wichtige Bereiche verloren gegangen und erst in den letzten 20 Jahren entstehen zB Psychoanalytische Pädagoik oder Psychoanalytische Sozialarbeit neu (oder sollte ich sagen: wieder), allerdings als eigenständige Gebiete, fern von der Psychoanalyse, die nichts damit zu tun haben möchte. Wer von den jungen Psychoanalytikern oder Ausbildungskandidaten kennt und verbindet denn mit Namen wie Aichhorn, Bernfeld, Ekstein, Federn (um nur einige zu nennen) etwas?

So wie im Nachkriegsdeutschland jahrzehntelang die Vergangenheit unbewältigt unter dem Teppich schlummerte und in jüngerer Gegenwart außer triefenden Gedenkreden nicht wirklich etwas geschieht, so hat scheinbar auch die Psychoanalyse den Zeitenwechsel verschlafen und erstarrt größtenteils in konservativer Dogmengläubigkeit. In den psychoanalytischen Ausbildungsinstituten fällt der Stuck von der Decke, aber statt ihn rauszuwerfen und alles neu zu streichen, wird versucht, ihn mit Pattex wieder anzukleben…

Text aus einem Vortrag:

„Wir alle, die wir mit Jugendlichen zu tun haben, wissen, wie schwer es ist, mit ihnen vertrauensvollen Kontakt zu bekommen, geschweige denn, mit Ihnen über ihre Probleme, Schwierigkeiten, Sorgen und Nöte zu sprechen. Sie sind in einem Lebensabschnitt, der sich auf die Fahnen geschrieben hat: „Trau keinem über 20!“ – Sie sind in einem Alter, in dem man die Welt umkrempeln möchte – aber nicht über Probleme reden; in dem man andere ändern will — nicht sich selber; in dem man feststellt: „alle machen Fehler, nur ich nicht!“ — aber auch „Alle kümmern sich um sich selbst, keiner kümmert sich um mich!“
Die Jugendlichen sind gleichzeitig in stärkstem Maße egoistisch, betrachten sich selbst als den Mittelpunkt der Welt, auf den das ganze eigene Interesse konzentriert ist, und sind doch wie nie mehr im späteren Leben opferfähig und zur Hingabe bereit.
Sie formen die leidenschaftlichsten Liebesbeziehungen, brechen sie aber ebenso unvermittelt ab, wie sie begonnen haben. Sie wechseln zwischen begeisterten Anschluß an die Gemeinschaft und unüberwindlichem Hang nach Einsamkeit; zwischen blinder Unterwerfung unter einen selbstgewählten Führer und trotziger Auflehnung gegen alle und jede Autorität. Sie sind eigennützig und materiell gesinnt, dabei gleichzeitig von hohem Idealismus erfüllt. Sie sind asketisch, mit plötzlichen Durchbrüchen in primitivste Triebbefriedigungen. Sie benehmen sich zu Zeiten grob und rücksichtslos gegen ihre Nächsten und sind dabei für Kränkungen aufs Äußerste empfindlich. Ihre Stimmung schwankt von leichtsinnigstem 0ptimismus zu tiefstem Weltschmerz, ihre Einstellung zur Arbeit zwischen unermüdlichem Enthusiasmus und dumpfer Trägheit und Interesselosigkeit. …
…Wenn wir jetzt über die Therapie sprechen, so gilt es, all das bisher Gesagte zu berücksichtigen, alle „Wenn“ und „Aber“ einer analytisch orientierten Therapie bei Jugendlichen im Hinterkopf zu behalten, ein therapeutisches Bündnis mit einem sozusagen „Anti“—Patienten aufzubauen und eine Lösung der Konflikte anzustreben. Das Ganze gleicht also etwa einem Unternehmen. das Anna FREUD treffend beschrieben hat, indem sie sagt: “Psychotherapie mit einem Jugendlichen ist so. als wolle man auf einen fahrenden Schnellzug aufspringen“ —
Man fragt sich unwillkürlich‚ wie dieses „Aufspringen“ wohl zu bewerkstelligen ist.
Überall in der Literatur über Psychotherapie mit Jugendlichen – und diese ist inzwischen recht zahlreich — bin ich auf den Hinweis gestoßen, daß sie nicht so leicht sei. daß sie besondere, sonst nicht anzutreffende Schwierigkeiten in sich berge, daß der Jugendliche in besonderem Maße unzugänglich sei — eine Herausforderung für jeden Therapeuten.
Trotzdem, oder gerade deshalb, wagen sich wenige Therapeuten an eine Jugendlichen-Therapie heran. Das „Aufspringen auf den Schnellzug“ ist also offensichtlich nicht so leicht.
Wie ist es zu schaffen?
(Saloga, Vortrag Kinderneuropsychiatrie Uni Wien, 1981)

 Diese Frage führt mich zu dem Gedanken, ob angesichts solcher Überlegungen vielleicht unser psychoanalytisches Denken „entstaubt“ werden muss. Hat die Psychoanalyse den Zeitenwechsel verschlafen und erstarrt sie größtenteils in konservativer Dogmengläubigkeit?
Ist von den Ideen der psychoanalytischen Vorväter tatsächlich so wenig übrig geblieben?  Können wir nur noch krankheitsbezogen und in anpassungsorientierten „Mach-heile“-Kategorien denken und handeln?

Ist die PA verkommen zu einem reinen Werkzeug der Heilkunde?

Der gesellschaftliche Aspekt scheint verloren gegangen, eingetauscht gegen den des Behandelns, Anpassens und der Ent-Individualisierung. Sie scheinen im Vordergrund zu stehen – oder gar gänzlich beherrschend zu sein. Stellt sich doch die Frage, ob immer klassisch psychoanalytische Therapie nötig oder oftmals eine Art psychoanalytischer Pädagogik nicht viel hilfreicher ist? Stellt sich doch ebenfalls die Frage, ob Gedankenfreiheit und Toleranz originäre Bestandteile von analytischer Psychotherapie sind…

 

Ich möchte sie einladen, mit mir einen Streifzug durch die „Hinterhöfe“ der Psychoanalyse, insbesondere der pa Kinder- und Jugendlichentherapie zu machen, Dinge zu entdecken, die uns vielleicht ein freieres Denken und Handeln in der Therapie rechtfertigen könnten:

Kennen sie übrigens – und damit stehen wir schon in einem Wiener „Hinterhof“ -die vermutlich erste und älteste Kindertherapie und – noch interessanter – wer sie durchgeführt hat?

Wissen sie – ein zweiter „Hinterhof“ –  wer seine Arbeitsweise in der Praxis und abweichend von analytischer Theorie oftmals so gestaltete:

er …
…hat Behandlung immer wieder neu „erfunden“
…war freundlich, spontan und unbesorgt gegenüber den psychoanalytischen Regeln
…zeigte in Analysen seine Anschauungen zu Psychoanalyse, Kunst, Kultur, Gesellschaftsfragen, Vorlieben, Freundschaften, Familienangelegenheiten
…hat Patienten belehrt oder ihnen etwas suggeriert (!!)
…zeigte Flexibilität auch im Setting (zB Analyse im Spazierengehen, Variation in Dauer und Frequenz)

Sigmund Freud persönlich, der Begründer der Psychoanalyse (1900), dessen klassische, orthodoxe Lehren und behandlungstechnische Anweisungen in psa Ausbildungsinstituten gelehrt werden, war selbst gar nicht so orthodox und klassisch, wie seine Jünger das gern gehabt hätten und bis heute hoch halten. Lässt man nämlich den Menschen „Psychoanalytiker/Psychotherapeut“ zu und in einer Therapie wirksam werden – wie Freud das wie oben beschrieben nach Berichten seiner Patienten getan hat – dann könnten Macht, Einfluß und Heiligenschein der Psychoanalytiker – nicht derPsychoanalyse – Schaden nehmen… und das wäre ja echt ….

Aber wo – so frage ich mich – ist denn nun die „Freiheit der Gedanken“?

 

 

(Fs folgt)