Identität?

Ja, gute Frage, was ist Identität?

Ein Text von mir, der schon etwas älter ist. Da er selbst mir bei jedem Lesen wieder Fragen stellt, habe ich ihn hier eingestellt:

Ein inzwischen passendes Thema, stecke ich doch selbst in einem Identitäts-Chaos, der Frage, ob das, was mich ausmacht, meine Identität (?) darstellt, beständig bleibt und somit überhaupt irgendeine Relevanz hat.

Was ist das eigentlich – Identität? Das, was mich ausmacht, wodurch ich mich von allen anderen unterscheide? Der Beruf wohl sicher – oder doch nicht?, meine Überzeugungen und mein Handeln, meine Vergangenheit und meine Zukunft, wohl auch (wie lange und) wie ich lebe, was ich gelernt und welche Fehler ich schon gemacht habe.

Oder ist vielleicht Identität gar nicht das, was wir so großkotzig als identitätsbestimmend deklarieren? Ist es vielleicht eher der Zweifel, die Unsicherheit, die uns immer wieder kämpfen lässt, die uns immer wieder die Frage stellt, wie wichtig denn manche Dinge in unserem Leben tatsächlich sind. Würde das dann heißen, etwas erst recht zu tun, um mich selbst zu überzeugen, dass ich doch (wieder) das Richtige tue. Dass erst Fehler und Zweifel den Weg zu einer „Identität“ zeigen? Dass mein Handeln und Denken doch das ist, was mich ausmacht, was mich von anderen unterscheidet…also Teil meiner Identität?

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Aber das würde doch heißen, dass wir ohne Zweifel nichts sind oder zumindest keine eigene Identität besitzen können. Identität entsteht nämlich auch aus dem Zweifel, dem immerwährenden In-Frage-Stellen, dem „Nein!“, das uns ein „Ja! Doch!“ zurückgibt. Nicht die schönen, volltönenden Worte, die uns beschreiben, zeichnen ein Bild unserer Identität, sondern das hinterfragende „Nein!“, das unser Selbstverständnis aus den Angeln zu heben droht, das Glaube und Vertrauen auf die Probe stellt, das die Dinge, auf die wir stolz, von denen wir überzeugt sind, erschüttert, DAS zeichnet ein Bild von uns, das lässt uns fest und sicher werden und sein, DAS nämlich gibt uns zurück, was echt und wahr ist – unsere Identität…

…bis zum nächsten Zweifel. – Und so kann Identität auch kein feststehender Begriff sein, der einen dauerhaften, unverändert gleichen Zustand beschreibt. Sie kann nur immer wieder in ständigem Zwiegespräch (hinter)fragt werden.

Die Identität eines Roboters mag immer gleich sein. Die Identität eines Menschen, der seit Descartes ein zweifelnder Denker (oder ein denkender Zweifler?) ist, mag nur in Zweifeln und Fragen verstehbar sein.

Wage ich es jetzt, diese Gedanken zu einer Identität (Ich) auszubauen, so lungern im Hintergrund zwar ein paar ganz nette Figuren herum, bei näherem Hinsehen jedoch tragen sie alle einen Zweifel im Namen: die unausgesprochene Frage nämlich nach dem Wert dieser jugendlich-frischen Gestalten:

die eigene Vergangenheit prägt den Psychoanalytiker, will aber gleichzeitig auch mit Zweifeln das Denkgebäude ins Wanken bringen. Das das nicht gelingt, nicht gelingen kann, ist ihnen in ihrer Selbstüberschätzung nicht klar, sie werden am Zweifeln ersticken. Denn auch wenn sie wieder und wieder ihre häßliche Fratze zeigen, wird dadurch die Sicherheit des Verlachten nur um so klarer.

Ob Überzeugungen etwas mit Identität zu tun haben, mag diskussionswürdig sein, sicher ist aber, dass ‚Beziehung‘ und ‚Verstehen‘ zwei der Säulen sind, auf denen die eigene Identität ruht. Denken und Handeln werden wesentlich von der Idee  geprägt, dass menschliches Miteinander nur im gegenseitigen Verstehen(-Wollen) und in Beziehung gelingen kann. Und im Privatmann finden sich diesbezüglich keine Unterschiede zum psychoanalytisch Denkenden und Arbeitenden.

Die zwei anderen Säulen sind ‚Handeln‘ und ‚Zukunft‘, ihre Kraft und Stärke bilden wesentliche Stützen einer – wenn überhaupt vorhandenen – Identität. Denn so stark und stützend sie auch sein mögen, gerade diese beiden gefährden eine dauerhafte Identität sehr und auch sie zeigen somit den postulierten Zweifel als wesentliches Element auch dieser Identität.

Wenn Identität aufgebaut werden kann, können Zweifel sie dann nicht nur stärken, sondern auch schwächen, vernichten gar?

Zweifel kommen in den verschiedensten Verkleidungen und während das Dach mit Lorbeer gekränzt wird, legt der Zweifel in Gestalt von Krankheit und Tod die Axt an die Säulen des Gebäudes. Lässt es sich (zer)stören? Oder ist es durch Jahre und Jahrzehnte (besonders die letzten fünf/sechs Jahre) stark genug, nicht nur über Bänke zu toben, sondern auch weiterzumachen – und das nicht „wie immer“?

Möglicherweise hilft das Fundament des Ganzen, das in großen schweren Lettern die Schrift trägt: Ich will!