Nicht gleich ⌿ ungleich ⌿ oder doch alle gleich?

Was für eine Frage? Ist sie nicht hinreichend in Art. 3 GG geklärt?

…und wieviel „gleich“ ist denn gleich? Und ist „ungleich“ vielleicht das neue gleich? Sind Sherlock und sein neurotypischer Sitznachbar in der Schule gleich? Muss/soll man sie gleich behandeln? Oder gibt es doch Unterschiede, also Unterschiede, die zu berücksichtigen sind!?

Was, wenn wir einfach mal sagen würden: alle Menschen sind ungleich, alle Menschen sind individuell in ihrer Persönlichkeit, ihrem Charakter, ihren Besonderheiten…
Daraus würde folgen… Logiker, die wir sind…, dass auch neurodiverse Menschen nicht gleich sind – und eben der vorerwähnte Sitznachbar nicht gleich ist mit Sherlock, und sie somit auch nicht gleich behandelt werden sollen/können.

Aber was bedeutet dabei gleich? Oder auch gleich behandelt werden? Wer oder was gibt den Maßstab dafür an – insbesondere im Schulalltag? Die gute Laune der Bezugsperson, persönliches Gefühl, pädagogisches Ermessen oder die Mitschüler?

Ein Satz aus einem Nachteilsausgleich für einen Schüler macht das Dilemma in vieler Hinsicht deutlich:
Kommunikative Einschränkungen können in pädagogischem Ermessen zurückhaltend bewertet werden.“

Ein schöner Satz, der auf den ersten Blick jedem jede Freiheit lässt.
Oder vielleicht doch nicht…?
können“ heißt in diesem Zusammenhang die Erlaubnis des Abweichens von geltenden Schulnormen, „zurückhaltend“ meint, dass die eingeschränkten Möglichkeiten des Schülers zu berücksichtigen sind, und wie stark – und nicht etwa, ob überhaupt – etwas berücksichtigt wird, liegt „in pädagogischem Ermessen“.
Also keineswegs alle gleich, und Abweichungen können und dürfen abweichend beurteilt und behandelt werden!

Eine Abweichung bezeichnet eine Regelwidrigkeit oder einen Antagonismus. Doch was ist, wenn ich behaupte, dass „Die Regel“ die „Anomalie“ ist und nicht die Eigenarten und Abweichungen selber? Wenn die alles gleich machende Regel längst überholt ist… Wenn Menschen gar nicht gleich sind, gar nicht gleich, sondern Individuen mit Eigenheiten, Stärken und Schwächen sein wollen?
Bei der ganzen Diskussion geht es nämlich um den Wunsch nach Akzeptanz, das „Gesehen-werden-wie-ich-bin“. Das Problem der Abgrenzung entsteht somit nicht aus aktiver Ablehnung der einen oder anderen Seite, aber aus einem passiven Unverständnis, einem „Aneinander-vorbei-reden“ beider Seiten. Es geht nämlich nicht darum, eine Seite zu anderem Denken oder Handeln zu bringen, das würde auch den Wunsch nach Akzeptanz des eigenen „Ich“ verfehlen. Es geht um „positive Devianz“, d.h. den Gedankens zu realisieren, dass Normabweichungen durchaus Fortschritt und Innovation ermöglichen können. Bestehende Theorien oder Regeln werden in Frage gestellt, um so eine Weiterentwicklung und/oder soziale Verbesserung zu erreichen.

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So ein arroganter Fuzzy…

. Viele, die hier lesen, kennen bestimmt Sätze, wie:

Man ist der eingebildet! – oder: – So ein arroganter Spinner – oder: – Der hat’s wohl nicht nötig, mit uns zu reden

Ist mein Freund Sherlock tatsächlich so…also ich meine: Ist er tatsächlich eingebildet? arrogant? ein Spinner? Oder übersehen wir etwas, oder urteilen wir, bevor wir verstehen?
Aber Sherlock ist doch nicht so etwas wie ein schwarzes Loch, das alles aufsaugt (damit man nichts mehr sieht!) und dafür neues „Material“ ausspuckt (dass dann keiner mehr versteht!)…

Vielleicht erinnert ihr euch an einen anderen Beitrag, der etwas von dem neurodivergenten Käfig erzählt hat? Und sitzt du alleine in einem Käfig, dann wirst du dich naturgemäß hauptsächlich mit dir selbst beschäftigen. Und sitzt du in einem Käfig allein, dann ist der Kontakt nach außen eher eingeschränkt, würde ich mal sagen. Und auch mit der Kommunikation ist es wohl nicht zum Besten bestellt:

Für alle Schlaumerker, die jetzt Luft holen: stellt euch nur kurz vor, ihr müsstet eine Pause lang mit einem Käfig über eurem Kopf auf dem Schulhof herumlaufen… Was glaubt ihr, wie oft ihr andere ansprechen oder euch zu einer Gruppe dazustellen würdet? Oder womöglich umgekehrt?
Wie gehen wir denn mit Menschen um, die eine andere Sprache sprechen? Lassen wir die auch stehen? – Denn… so lustig das auch klingen mag … der neurodivergente Sherlock und ein neurotypischer Mitschüler sprechen zwei unterschiedliche Sprachen. Nein, stimmt nicht, eher zwei Dialekte … etwa wie norddeutsch und bayrisch … reden ja auch beide deutsch … aber verstehen? … eher schwierig!

Es soll Menschen geben, die dann für einen Austausch des Programms, des „Betriebssystems“ – eher am Verhalten als am Denken orientiert – plädieren, dann werde schon alles gut. Aber hinter dieser Idee verbirgt sich „normale“ (neurotypische) Denkweise…
Typisch! – Bringt ihnen nur bei, wie Marionetten zu „tanzen“, die Regeln des „geordneten“ Soziallebens zu lernen.

Aber was, wenn nicht? Was, wenn Sherlock zwar Kontakt will, aber nicht unbedingt zu den neurotypischen Regeln der „normalen Gesellschaft“? Was, wenn sich sein Leben auf ganz anderen Bahnen und Ebenen bewegt, gesteuert von ganz anderen Interessen und Schwerpunkten? Ist er dann ein „Spinner“ wie etwa Alexander d. Gr., Einstein, Kafka, Che Guevara, Leonardo da Vinci oder andere? – Oh Pardon, die galten nur zu Lebzeiten als Spinner…
Aber mal ehrlich: ist anders zu denken, sein Gehirn und sein Leben anders zu strukturieren, seine Schwerpunkte außerhalb der Norm zu legen… Ist das so merkwürdig? Ist jemand deswegen komisch? Ich glaube daran, dass sich in Zukunft Vieles ändern wird. Auch wenn es jetzt vllt noch sehr utopisch erscheint, dass eines Tages die Menschen auf jemanden wie Sherlock schauen werden, und keine Krankheit oder Störung sehen werden, wird es genau so kommen. … und für all jene, die Sätze wie diesen belächeln und wohlwollend abtuen wollen, naja, seht euch an wer die grossen Köpfe der Vergangenheit waren…

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Ein (neurodivergenter) Käfig?

Vor kurzem haben wir uns über das sogenannte „autistische Gefängnis“ unterhalten. Ein Konstrukt, mit dem man versucht, die Situation eines neurodivergenten Menschen zu beschreiben, vielleicht manchmal auch zu erklären…

Dabei haben wir wieder einmal bemerkt, dass Sherlock sich ja tatsächlich manchmal wie in einer Art „Gefängnis“ fühlt – und das in gewisser Weise durchaus real ist. Es ist nämlich das Produkt einer Diskrepanz zwischen seinem neurodivergenten Sein (und Erleben!) und einer neurotypisch gestalteten Welt. Die Wände dieses „Käfigs“ sind aus sozialen Normen gemauert: der Blick, die angemessene Tonlage, die implizite Bedeutung hinter einer flapsigen Bemerkung – all das muss mühsam im Kopf diskutiert und geordnet werden, geordnet wie in einer großen Lagerhalle, in der ein Gabelstapler „regiert“: die Gedanken werden ordentlich in bestimmten Regalen untergebracht: Dieser Gedanke gehört hierhin … und der? – der gehört in das Regal rechts oben …usw.
(der neurotypische Mensch legt seine Gedanken in seiner „Lagerhalle“ einfach irgendwo hin.)

 Doch dieses Gefängnis hat nicht nur soziale, sondern auch sensorische Gitterstäbe. Die Welt dringt ungefiltert herein, das Ticken der Uhr wird zum dröhnenden Donner, das Etikett im T-Shirt fühlt sich an wie Schmirgelpapier, der Duft eines Parfums würgt die Luft ab. Was für andere kaum wahrnehmbar ist, kann für den neurodivergenten Sherlock eine schmerzhafte Überflutung sein. So wird die Umwelt zu einem Schlachtfeld der Sinne, vor dem er sich ständig schützen muss.

Und seit einiger Zeit sind wir gemeinsam bemüht, den/die Schlüssel zu diesem Käfig zu basteln bzw. zu finden. Wir betrachten den Käfig von mehren Seiten, aus verschiedenen Perspektiven, von aussen und innen. Innen nämlich entsteht der internalisierte Käfig: durch jahrelange Korrekturen, Unverständnis und den ständigen Druck, sich anzupassen, wurde die Botschaft, dass etwas nicht stimme, quasi verinnerlicht mit Selbstzweifeln, dem Unterdrücken eigener Bedürfnisse und sich für das Anderssein zu schämen. Dieser innere Zensor ist gnadenlos. Er flüstert, dass man nicht richtig ist, dass man zu anstrengend, zu empfindlich, zu kompliziert ist. Dieser internalisierte Käfig kann stärker sein als jeder äußere, denn er raubt einem die Freiheit, man selbst zu sein, sogar im eigenen Denken.

Der Schlüssel liegt nicht in „Heilung“! Ein Ausbruch bedeutet nicht „reparieren“! Es ist kein Gefängnis, das von einer Krankheit stammt, sondern eines, das von einer Welt gebaut wurde, die primär nicht für neurodivergente Menschen gemacht ist. Ein Ausbruch aus diesem Gefängnis meint: die Suche nach Verständnis, die Akzeptanz und Anpassung der Umwelt Sherlock gegenüber… allen neurodivergenten Menschen gegenüber. Der Schlüssel liegt in ruhigen Räumen, klarer Kommunikation, der Wertschätzung für spezifische Stärken und auch Schwächen und dem Recht, sich zurückziehen zu dürfen, psychisch oder physisch, ohne dafür verurteilt zu werden.

Dies zu erkennen, bedeutet, als einzelner, als Gesellschaft die Verantwortung zu übernehmen, den Käfig nicht zu verstärken, sondern seine Gitterstäbe Stück für Stück zu durchtrennen. Es geht darum, eine Welt zu schaffen, in der der Käfig keine Tür mehr hat, weil er nicht mehr gebraucht wird – eine Welt, in der Unterschiedlichkeit nicht eingesperrt, sondern willkommen geheißen wird.


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Wechseln…

vor einiger Zeit hatten wir die Idee, Schule sei manchmal ziemlich langweilig, vielleicht sogar streckenweise überflüssig. Daraufhin entschied sich Sherlock, die Klasse zu wechseln. Vielleicht würde es dann ja interessanter.…

gesagt, getan … Erlaubnis eingeholt … alles gut!

Tatsächlich? Alles gut? … 25 neue Mitschüler, eine für Sherlock inkonsistente Klassenbezeichnung (nach a – b – c – d kommt nicht e, sondern c) … und schließlich die Überlegung, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn er überhaupt alles hätte sein lassen und in der alten Klasse geblieben wäre?

Hey,Sherlock, zu viele Konjunktive! also: NEIN!
Aber, „wohlmeinende“ Menschen werden dir entgegen halten: Denk daran, dass du eine einzigartige Perspektive und außergewöhnliche Fähigkeiten mitbringst. Du kannst diese Herausforderung meistern. Es ist auch in Ordnung, sich nervös oder unsicher zu fühlen – Aber erinnere dich daran, dass du schon viele Hindernisse überwunden hast und dies nur der nächste Schritt auf deinem Weg ist.

Wenn mein Freund sarkastisch lachen könnte, dann würde er das jetzt wahrscheinlich tun. Was für ein herrlicher Unfug, 1000 mal durchgekaut von schlauen Leuten…
Auf das Argument, er gehe doch auch zum Studium, würde er wohl antworten: klar, aber da muss ich mich nur einmal oder zweimal in der Woche hineinsetzen, in der Schule ist es fünf mal in der Woche für sechs oder mehr Stunden. Der Punkt, und das ist vielleicht wichtig zu erwähnen, ist nämlich, dass Sherlock plötzlich mehr als 20 fremde Gesichter fremder Menschen gegenübersitzen. Und da kann er nicht einfach sagen „werde ich mich schon dran gewöhnen“, sondern diese über 20 fremden Gesichter müssen kategorisiert werden, um überhaupt irgendetwas mit Ihnen anfangen zu können. Andernfalls wäre die Angst viel zu groß… Es ist nämlich nicht so einfach, sich selbst Raum zu geben, um sich in das Neue zu gewöhnen. Für den neurodivergenten Sherlock kommt nämlich die Gewöhnung erst an zweiter oder dritter Stelle. Lassen wir ihn also sich auf seine eigene Art durch die neue Umgebung navigieren, er wird sicher auch diese Etappe erfolgreich meistern.

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„Mögen hätt ich schon wollen, aber dürfen hab ich mich nicht getraut!“ 

Vor einiger Zeit kam Sherlock zu mir mit einer Idee, die er verwirklichen wollte … nicht ganz einfach, mit einigen Hürden, aber durchaus machbar.

Aber auch mit dem Kommentar:
Ich bin überzeugt, ich kann es, aber ich weiß, dass ich es nicht kann. Ich schiebe es vor mir her, obwohl ich denke, das Richtige zu tun, aber nicht weiß wie. Am Kreuzungspunkt dieser zwei Stränge steht wie immer mal wieder der Kontakt mit fremden Menschen beziehungsweise fremden Reaktionen/Erwartungen„.

Steckt mein Freund da in einem Gedankenkonflikt, der sich durch klares Denken auflösen lassen würde? Oder ist dieser Konflikt tatsächlich da und muss irgendwie geschickt umschifft werden? Eindeutig klar ist, dass eine rein sachliche, logisch fundierte Lösung zwar angenehm aussieht, aber keine wirkliche Lösung bietet. Denn, wie Sherlock ja auch sagt, solange er sich selbst nicht 100-prozentig überzeugt hat, geht auch nichts vorwärts.

Und das kann schwer werden. Es geht hier nämlich nicht um die bekannte und allseits beliebte „Prokrastination“, sondern um die tatsächliche Unmöglichkeit… Nicht eine dauerhafte im Sinne von „unfähig sein“, sondern eine für diese Situation zutreffende.
Und – Eltern aufgepasst – dabei hilft auch nicht ein als Anregung gemeinter Satz wie: wenn du jetzt nicht langsam damit anfängst, dann ist es bald sowieso zu spät. So etwas treibt keineswegs zur Eile an, sondern – ganz im Gegenteil – öffnet eine zusätzliche Lage an gedanklichen Fragen…

Maria Montessoris „Hilf mir, es selbst zu tun“ ist da wahrscheinlich die einzig sinnvolle Unterstützung. Beantworte meine Fragen und dann lass mich machen…

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Zeit

Zeit und Zeitmanagement – zwei Dinge, die für unseren neurodivergenten Sherlock immer wieder eine Hürde darstellen. Nicht dass ihm Zeit egal wäre … nein … sie zu beachten, ist überflüssig und belastet sein Gehirn übermäßig… 

Wenn sie dann irgendwann doch mal berücksichtigt werden muss (Schule und ähnlich langweilige Dinge) dann aber nur minutiös durchgeplant. So kommt es dann, dass ich Nachrichten bekomme wie; ‚Komme etwas früher, so um 13:02‘, was dann aber meist nicht von ihm erreicht wird.
Denn Menschen, S-/U-Bahnen etc haben die Angewohnheit, sich eben nicht nach Plänen zu richten… 

Sowie Sherlock geht es wahrscheinlich vielen neurodivergenten jungen Menschen, ihre Umwelt beklagt ein katastrophales Zeitmanagement, sie selbst versuchen nur, die Zeit in eine geordnete Planung zu bringen. Denn Zeit und Planung müssten doch eigentlich perfekt zueinander passen…

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Und wenn doch…

Sherlock versuchte oft, sich anderen zu öffnen, doch meist stieß er auf Ablehnung. Seine Erzählungen weckten Argwohn und wurden nicht selten als Lügen abgetan. Niemand, so schien es, wollte länger in seiner Nähe bleiben, sobald klar wurde, dass er anders war. Nicht besser, nicht schlechter – einfach nur: anders. Nicht normal, sondern alternativ-normal.

Doch er sucht weder Bewunderung noch Verständnis. Er will nur einen Ort, an dem er sein darf, wie er ist. Wenn er jemanden trifft, der sich für Physik interessiert, stellte sich heraus, dass dieser den Rest des Tages vor World of Warcraft verbrachte. Wenn er jemanden kennenlernt, der sich mit Philosophie auskennt, betrank sich dieser am Wochenende bis zur Besinnungslosigkeit.

Sherlock aber kann das nicht. Will es nicht. Er trinkt nicht. Für ihn ist das Denken kein Spiel, keine Maske, kein Zeitvertreib. Es ist das, was ihn zusammenhält. Seine Intelligenz, seine geistige Schärfe – das sind die wenigen Dinge, die er an sich akzeptieren kann. Nicht viel vielleicht. Aber genug, um nicht unterzugehen.
Zugegeben, es ist nicht einfach, unter Gleichaltrigen man selbst zu sein – besonders unter denen, deren Gehirne anders verdrahtet sind, die sich für andere Dinge interessieren, die einfach kein Interesse daran haben, jemanden wie ihn zu verstehen. Doch vielleicht gelingt es Sherlock hin und wieder, über Hindernisse zu springen, ohne zu wissen, was ihn auf der anderen Seite erwartet. Vielleicht wagt er sich einfach mal in fremde Umgebungen – und findet dort, wonach er sucht…

Er hat die Muster erkannt: anfängliche Neugier, dann das unvermeidliche Stirnrunzeln, wenn er zu genau hinsieht, zu direkt fragt. „Du denkst zu viel nach“, heißt es dann. Als wäre Denken eine Krankheit, die man heilen kann.
Doch er kann nicht lügen – nicht einmal, um dazuzugehören.
Also akzeptiert er die Konsequenzen. Die Einsamkeit ist scharfkantig, aber ehrlich. Und manchmal fragt er sich, ob Ehrlichkeit genug sein kann.

Sherlock weiß, dass sein Gehirn anders funktioniert. Nicht weil es ihm jemand gesagt hätte – Diagnosen waren Luxus für Kinder, die laut genug schrien –, sondern weil er die Beweise sieht:

  • Die Zeit, als er begann, sich mit Quantenphysik zu beschäftigen, während die Klasse über einfache Addition stolperte. Die Lehrer waren nicht erfreut („Woher weißt du das?“), nicht bewundernd, sondern misstrauisch.
  • Die endlosen Elternabende, bei denen „soziale Anpassung“ zum Mantra wurde. Seine Mutter flüsterte danach immer: „Versuchs doch mal normal.“ Das Wort normal brannte sich in ihn ein wie ein Brandmal.
  • Der Versuch, ihm Ritalin andrehen zu wollen. „Damit du dich besser konzentrieren kannst.“ Dabei konnte er sich blendend konzentrieren – nur nicht auf Dinge, die ihn nicht interessierten.

Doch das Schlimmste ist das Gefühl, falsch verdrahtet zu sein. Nicht kaputt, nein. Sondern wie ein Radio, das auf einer Frequenz spielt, die niemand sonst hört. Manchmal, wenn er versucht, sich anzupassen, gleitet er in ein „Script“ – lächelt zur richtigen Zeit, nickt im Takt der Konversation. Doch hinter seiner Stirn rattert es weiter: Warum lacht man jetzt? Was ist der soziale Nutzen von Smalltalk? – Die Welt verlangt Masken.
Also zog er sich zurück. Wenn er sich in Quantenphysik oder die Philosophie des Bewusstseins vergrub, hörte die Welt auf, wehzutun.

Man brachte ihn zu einem Psychotherapeuten.
Die Praxis war anders als erwartet. Keine Pastellfarben, keine falsch lächelnden Poster mit „Du schaffst das!“. Stattdessen:gemütlich, ein blauer Plüschelefant und ein Schachbrett auf dem Sideboard.
Watson – diesen Namen bekam er im Laufe der Zeit – schien auch anders, nicht wie befürchtet, und begann mit ihm Schach zu spielen. Die umgebende Stille war angenehm, nicht erzwungen.
Das alles war kein Script…

„Deine Mutter sagt, du hast Probleme mit sozialer Interaktion“, begann Watson. „Aber die Frage ist doch: Wer hat hier eigentlich ein Problem? Du – oder die Leute, die nicht verstehen, wie du funktionierst?“
„Sie wollen, dass ich sage, dass die Gesellschaft das Problem ist?“
„Ich will gar nichts.“ Watson zog eine Stirnseite hoch. „Außer vielleicht, dass du aufhörst, Energie in Masken zu stecken, die dir ohnehin nicht passen.“
„So läuft das nicht. Die Welt ändert sich nicht, nur weil ich…“ Seine Hände zitterten.
„Nein.“ Watson nahm die Brille ab. „Aber du musst dich nicht ändern, um in ihr zu leben. Nur lernen, wo die Ausgänge sind.“

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Allein? Sein? Alleinsein? …

Die Nächte waren am schlimmsten. Wenn die Stille ihn umfing und das Echo seiner eigenen Gedanken lauter wurde als die Stimmen der Welt, fragte er sich: Warum bin ich so? Nicht mit Bedauern, sondern mit einer Art karger Neugier, als untersuche er ein fremdes Bewusstsein. Er begann, Muster zu erkennen – nicht nur in den Gleichungen, die er löste, sondern in sich selbst.

Er beobachtete die Menschen, wie sie lachten, flirteten, sich über Belangloses empörten. Anfangs irritierte ihn ihre Leichtigkeit, doch allmählich begriff er: Sie mussten nicht denken wie er. Sie durften anders sein. Und wenn sie das durften – warum dann nicht auch er?

Es war ein regnerischer Abend, als ihm die Erkenntnis kam, schwer und klar wie ein Stein, den er endlich aus dem Wasser gezogen hatte: Vielleicht geht es gar nicht darum, verstanden zu werden. Vielleicht geht es darum, sich selbst nicht mehr zu verleugnen.

Er will die Worte „normal“ und „anders“ aus seinem Vokabular streichen. Stattdessen es seine Art zu sein nennen, neurodivergent halt.. Und eines Tages, als ein Mitschüler ihn wieder mit skeptischem Blick fragt: „Warum machst du alles so kompliziert?“, zuckte Sherlock nur die Schultern. „Weil ich es kann.“

Die Ablehnung der anderen schmerzt noch. Aber er hat etwas gefunden, das niemand ihm nehmen kann: den eigenen Rhythmus. Die Gewissheit, dass sein Verstand kein Fluch ist, sondern einfach sein Zuhause.

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Die Wichtigkeit des Unwichtigen

Stellen wir uns vor, ich wäre ein unheimlich pedantischer Mensch – einer, der alles in seinem Leben organisiert. Meine Wohnung, meine Bücher, meine Arbeitsmaterialien … einfach alles. Nach einiger Zeit würde ich sicherlich auch anfangen, mein Gehirn zu ordnen. Schön verschachtelt, alles an seinem Platz.

Doch sobald ich damit beginne, mein Gehirn zu strukturieren, könnte es problematisch werden. Denn jeder neue Gedanke, der auftaucht, jede Frage, die mich beschäftigt, jede Aufgabe, die mir gestellt wird – alles müsste dieser strengen Ordnung unterworfen werden. Selbst ein einziger Gedanke würde geprüft, durchgecheckt und verortet: Wo gehört er hin? Welche anderen Gedanken stehen damit in Verbindung? Was muss noch bedacht werden, bevor er eingeordnet wird?

In diesem System hat alles seinen festen Platz – alles ist gleichberechtigt angeordnet. Es gibt kein Oben oder Unten, kein Wichtiger oder Unwichtiger, kein Interessant oder Unsinnig …

Wenn ich also einen Text erhalte, den ich lesen, bewerten oder kritisieren soll, kann ich kaum noch zwischen Wesentlichem und Unwesentlichem unterscheiden. Alles erscheint mir bedeutsam, alles scheint erwähnenswert. Ob ein Gedanke falsch formuliert ist oder fünf Kommas fehlen – beides hat dieselbe Relevanz.

Wenn wir uns das in Ruhe durch den Kopf gehen lassen, dann wissen wir – oder können zumindest erahnen –, wie es Sherlock geht. Er muss sich ständig mit solchen Dingen auseinandersetzen.

Sherlock registriert alles in seinem unerbittlichen System: jedes Staubkorn, jedes Zucken eines Augenlids, jede Unstimmigkeit im Stoffmuster eines Mantels . Doch was andere bewundern mögen, ist in Wahrheit ein subtiler Fluch. Sein Geist funktioniert wie eine Maschine: präzise, unbestechlich, aber auch gnadenlos. Während neurotypische Menschen instinktiv filtern – „Das ist wichtig … das ignoriere ich“ –, muss Sherlock bewusst entscheiden, was er ausschließt. Und diese Entscheidung ist für ihn erschöpfender als das Beobachten selbst.

Der Preis der Klarheit: Jede Unterhaltung wird zur Analyse, jeder Mensch zum Puzzle. Selbst Watsons treue Freundschaft muss Sherlock erst entschlüsseln, bevor er sie einfach genießen kann.
Die Angst vor Leere: Wenn kein Fall da ist, bleibt nur das Rauschen der Details. Ohne ein Problem, das er zerlegen kann, wird sein eigener Geist zum Feind.
Das Misstrauen gegen Intuition: Sherlock verachtet, was er „Zufall“ nennt. Doch manchmal, ganz selten, beneidet er die Leichtigkeit, mit der andere Menschen ahnen, statt zu berechnen.

Das Gehirn ist ein leerer Dachboden“, sagt der literarische Sherlock Holmes zu Watson. Aber unser Sherlock verschweigt – wie sein literarisches Alter Ego -, dass er selbst darin gefangen ist – zwischen akribisch sortierten Fakten und der unerfüllten Sehnsucht, einfach mal etwas nicht zu denken.

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Zettelkasten

wer kennt sie nicht, die Zettel, auf die wir das schreiben, das wir auf gar keinen Fall vergessen wollen, was aber dann – ganz sicher aufbewahrt – irgendwo verschwindet. Ähnlich ist es mit den Dingen die wir uns vornehmen zu besprechen. Kommt dann das Gespräch fällt uns Verdammtnochmal nichts mehr ein.

Sherlock mit seinem schlauen Kopf vergisst zwar äußerst wenig, aber in Gesprächen fehlt es dann doch oft an den passenden Worten. Also werden von Zeit zu Zeit über die Woche hin Zettel wie dieser geschrieben und im Gespräch dann Watson in die Hand gedrückt, so dass gemeinsam etwas Gutes zustande kommen kann.


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