Ein (neurodivergenter) Käfig?

Vor kurzem haben wir uns über das sogenannte „autistische Gefängnis“ unterhalten. Ein Konstrukt, mit dem man versucht, die Situation eines neurodivergenten Menschen zu beschreiben, vielleicht manchmal auch zu erklären…

Dabei haben wir wieder einmal bemerkt, dass Sherlock sich ja tatsächlich manchmal wie in einer Art „Gefängnis“ fühlt – und das in gewisser Weise durchaus real ist. Es ist nämlich das Produkt einer Diskrepanz zwischen seinem neurodivergenten Sein (und Erleben!) und einer neurotypisch gestalteten Welt. Die Wände dieses „Käfigs“ sind aus sozialen Normen gemauert: der Blick, die angemessene Tonlage, die implizite Bedeutung hinter einer flapsigen Bemerkung – all das muss mühsam im Kopf diskutiert und geordnet werden, geordnet wie in einer großen Lagerhalle, in der ein Gabelstapler „regiert“: die Gedanken werden ordentlich in bestimmten Regalen untergebracht: Dieser Gedanke gehört hierhin … und der? – der gehört in das Regal rechts oben …usw.
(der neurotypische Mensch legt seine Gedanken in seiner „Lagerhalle“ einfach irgendwo hin.)

 Doch dieses Gefängnis hat nicht nur soziale, sondern auch sensorische Gitterstäbe. Die Welt dringt ungefiltert herein, das Ticken der Uhr wird zum dröhnenden Donner, das Etikett im T-Shirt fühlt sich an wie Schmirgelpapier, der Duft eines Parfums würgt die Luft ab. Was für andere kaum wahrnehmbar ist, kann für den neurodivergenten Sherlock eine schmerzhafte Überflutung sein. So wird die Umwelt zu einem Schlachtfeld der Sinne, vor dem er sich ständig schützen muss.

Und seit einiger Zeit sind wir gemeinsam bemüht, den/die Schlüssel zu diesem Käfig zu basteln bzw. zu finden. Wir betrachten den Käfig von mehren Seiten, aus verschiedenen Perspektiven, von aussen und innen. Innen nämlich entsteht der internalisierte Käfig: durch jahrelange Korrekturen, Unverständnis und den ständigen Druck, sich anzupassen, wurde die Botschaft, dass etwas nicht stimme, quasi verinnerlicht mit Selbstzweifeln, dem Unterdrücken eigener Bedürfnisse und sich für das Anderssein zu schämen. Dieser innere Zensor ist gnadenlos. Er flüstert, dass man nicht richtig ist, dass man zu anstrengend, zu empfindlich, zu kompliziert ist. Dieser internalisierte Käfig kann stärker sein als jeder äußere, denn er raubt einem die Freiheit, man selbst zu sein, sogar im eigenen Denken.

Der Schlüssel liegt nicht in „Heilung“! Ein Ausbruch bedeutet nicht „reparieren“! Es ist kein Gefängnis, das von einer Krankheit stammt, sondern eines, das von einer Welt gebaut wurde, die primär nicht für neurodivergente Menschen gemacht ist. Ein Ausbruch aus diesem Gefängnis meint: die Suche nach Verständnis, die Akzeptanz und Anpassung der Umwelt Sherlock gegenüber… allen neurodivergenten Menschen gegenüber. Der Schlüssel liegt in ruhigen Räumen, klarer Kommunikation, der Wertschätzung für spezifische Stärken und auch Schwächen und dem Recht, sich zurückziehen zu dürfen, psychisch oder physisch, ohne dafür verurteilt zu werden.

Dies zu erkennen, bedeutet, als einzelner, als Gesellschaft die Verantwortung zu übernehmen, den Käfig nicht zu verstärken, sondern seine Gitterstäbe Stück für Stück zu durchtrennen. Es geht darum, eine Welt zu schaffen, in der der Käfig keine Tür mehr hat, weil er nicht mehr gebraucht wird – eine Welt, in der Unterschiedlichkeit nicht eingesperrt, sondern willkommen geheißen wird.


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