„Mögen hätt ich schon wollen, aber dürfen hab ich mich nicht getraut!“ 

Vor einiger Zeit kam Sherlock zu mir mit einer Idee, die er verwirklichen wollte … nicht ganz einfach, mit einigen Hürden, aber durchaus machbar.

Aber auch mit dem Kommentar:
Ich bin überzeugt, ich kann es, aber ich weiß, dass ich es nicht kann. Ich schiebe es vor mir her, obwohl ich denke, das Richtige zu tun, aber nicht weiß wie. Am Kreuzungspunkt dieser zwei Stränge steht wie immer mal wieder der Kontakt mit fremden Menschen beziehungsweise fremden Reaktionen/Erwartungen„.

Steckt mein Freund da in einem Gedankenkonflikt, der sich durch klares Denken auflösen lassen würde? Oder ist dieser Konflikt tatsächlich da und muss irgendwie geschickt umschifft werden? Eindeutig klar ist, dass eine rein sachliche, logisch fundierte Lösung zwar angenehm aussieht, aber keine wirkliche Lösung bietet. Denn, wie Sherlock ja auch sagt, solange er sich selbst nicht 100-prozentig überzeugt hat, geht auch nichts vorwärts.

Und das kann schwer werden. Es geht hier nämlich nicht um die bekannte und allseits beliebte „Prokrastination“, sondern um die tatsächliche Unmöglichkeit… Nicht eine dauerhafte im Sinne von „unfähig sein“, sondern eine für diese Situation zutreffende.
Und – Eltern aufgepasst – dabei hilft auch nicht ein als Anregung gemeinter Satz wie: wenn du jetzt nicht langsam damit anfängst, dann ist es bald sowieso zu spät. So etwas treibt keineswegs zur Eile an, sondern – ganz im Gegenteil – öffnet eine zusätzliche Lage an gedanklichen Fragen…

Maria Montessoris „Hilf mir, es selbst zu tun“ ist da wahrscheinlich die einzig sinnvolle Unterstützung. Beantworte meine Fragen und dann lass mich machen…

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Zeit

Zeit und Zeitmanagement – zwei Dinge, die für unseren neurodivergenten Sherlock immer wieder eine Hürde darstellen. Nicht dass ihm Zeit egal wäre … nein … sie zu beachten, ist überflüssig und belastet sein Gehirn übermäßig… 

Wenn sie dann irgendwann doch mal berücksichtigt werden muss (Schule und ähnlich langweilige Dinge) dann aber nur minutiös durchgeplant. So kommt es dann, dass ich Nachrichten bekomme wie; ‚Komme etwas früher, so um 13:02‘, was dann aber meist nicht von ihm erreicht wird.
Denn Menschen, S-/U-Bahnen etc haben die Angewohnheit, sich eben nicht nach Plänen zu richten… 

Sowie Sherlock geht es wahrscheinlich vielen neurodivergenten jungen Menschen, ihre Umwelt beklagt ein katastrophales Zeitmanagement, sie selbst versuchen nur, die Zeit in eine geordnete Planung zu bringen. Denn Zeit und Planung müssten doch eigentlich perfekt zueinander passen…

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Und wenn doch…

Sherlock versuchte oft, sich anderen zu öffnen, doch meist stieß er auf Ablehnung. Seine Erzählungen weckten Argwohn und wurden nicht selten als Lügen abgetan. Niemand, so schien es, wollte länger in seiner Nähe bleiben, sobald klar wurde, dass er anders war. Nicht besser, nicht schlechter – einfach nur: anders. Nicht normal, sondern alternativ-normal.

Doch er sucht weder Bewunderung noch Verständnis. Er will nur einen Ort, an dem er sein darf, wie er ist. Wenn er jemanden trifft, der sich für Physik interessiert, stellte sich heraus, dass dieser den Rest des Tages vor World of Warcraft verbrachte. Wenn er jemanden kennenlernt, der sich mit Philosophie auskennt, betrank sich dieser am Wochenende bis zur Besinnungslosigkeit.

Sherlock aber kann das nicht. Will es nicht. Er trinkt nicht. Für ihn ist das Denken kein Spiel, keine Maske, kein Zeitvertreib. Es ist das, was ihn zusammenhält. Seine Intelligenz, seine geistige Schärfe – das sind die wenigen Dinge, die er an sich akzeptieren kann. Nicht viel vielleicht. Aber genug, um nicht unterzugehen.
Zugegeben, es ist nicht einfach, unter Gleichaltrigen man selbst zu sein – besonders unter denen, deren Gehirne anders verdrahtet sind, die sich für andere Dinge interessieren, die einfach kein Interesse daran haben, jemanden wie ihn zu verstehen. Doch vielleicht gelingt es Sherlock hin und wieder, über Hindernisse zu springen, ohne zu wissen, was ihn auf der anderen Seite erwartet. Vielleicht wagt er sich einfach mal in fremde Umgebungen – und findet dort, wonach er sucht…

Er hat die Muster erkannt: anfängliche Neugier, dann das unvermeidliche Stirnrunzeln, wenn er zu genau hinsieht, zu direkt fragt. „Du denkst zu viel nach“, heißt es dann. Als wäre Denken eine Krankheit, die man heilen kann.
Doch er kann nicht lügen – nicht einmal, um dazuzugehören.
Also akzeptiert er die Konsequenzen. Die Einsamkeit ist scharfkantig, aber ehrlich. Und manchmal fragt er sich, ob Ehrlichkeit genug sein kann.

Sherlock weiß, dass sein Gehirn anders funktioniert. Nicht weil es ihm jemand gesagt hätte – Diagnosen waren Luxus für Kinder, die laut genug schrien –, sondern weil er die Beweise sieht:

  • Die Zeit, als er begann, sich mit Quantenphysik zu beschäftigen, während die Klasse über einfache Addition stolperte. Die Lehrer waren nicht erfreut („Woher weißt du das?“), nicht bewundernd, sondern misstrauisch.
  • Die endlosen Elternabende, bei denen „soziale Anpassung“ zum Mantra wurde. Seine Mutter flüsterte danach immer: „Versuchs doch mal normal.“ Das Wort normal brannte sich in ihn ein wie ein Brandmal.
  • Der Versuch, ihm Ritalin andrehen zu wollen. „Damit du dich besser konzentrieren kannst.“ Dabei konnte er sich blendend konzentrieren – nur nicht auf Dinge, die ihn nicht interessierten.

Doch das Schlimmste ist das Gefühl, falsch verdrahtet zu sein. Nicht kaputt, nein. Sondern wie ein Radio, das auf einer Frequenz spielt, die niemand sonst hört. Manchmal, wenn er versucht, sich anzupassen, gleitet er in ein „Script“ – lächelt zur richtigen Zeit, nickt im Takt der Konversation. Doch hinter seiner Stirn rattert es weiter: Warum lacht man jetzt? Was ist der soziale Nutzen von Smalltalk? – Die Welt verlangt Masken.
Also zog er sich zurück. Wenn er sich in Quantenphysik oder die Philosophie des Bewusstseins vergrub, hörte die Welt auf, wehzutun.

Man brachte ihn zu einem Psychotherapeuten.
Die Praxis war anders als erwartet. Keine Pastellfarben, keine falsch lächelnden Poster mit „Du schaffst das!“. Stattdessen:gemütlich, ein blauer Plüschelefant und ein Schachbrett auf dem Sideboard.
Watson – diesen Namen bekam er im Laufe der Zeit – schien auch anders, nicht wie befürchtet, und begann mit ihm Schach zu spielen. Die umgebende Stille war angenehm, nicht erzwungen.
Das alles war kein Script…

„Deine Mutter sagt, du hast Probleme mit sozialer Interaktion“, begann Watson. „Aber die Frage ist doch: Wer hat hier eigentlich ein Problem? Du – oder die Leute, die nicht verstehen, wie du funktionierst?“
„Sie wollen, dass ich sage, dass die Gesellschaft das Problem ist?“
„Ich will gar nichts.“ Watson zog eine Stirnseite hoch. „Außer vielleicht, dass du aufhörst, Energie in Masken zu stecken, die dir ohnehin nicht passen.“
„So läuft das nicht. Die Welt ändert sich nicht, nur weil ich…“ Seine Hände zitterten.
„Nein.“ Watson nahm die Brille ab. „Aber du musst dich nicht ändern, um in ihr zu leben. Nur lernen, wo die Ausgänge sind.“

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Allein? Sein? Alleinsein? …

Die Nächte waren am schlimmsten. Wenn die Stille ihn umfing und das Echo seiner eigenen Gedanken lauter wurde als die Stimmen der Welt, fragte er sich: Warum bin ich so? Nicht mit Bedauern, sondern mit einer Art karger Neugier, als untersuche er ein fremdes Bewusstsein. Er begann, Muster zu erkennen – nicht nur in den Gleichungen, die er löste, sondern in sich selbst.

Er beobachtete die Menschen, wie sie lachten, flirteten, sich über Belangloses empörten. Anfangs irritierte ihn ihre Leichtigkeit, doch allmählich begriff er: Sie mussten nicht denken wie er. Sie durften anders sein. Und wenn sie das durften – warum dann nicht auch er?

Es war ein regnerischer Abend, als ihm die Erkenntnis kam, schwer und klar wie ein Stein, den er endlich aus dem Wasser gezogen hatte: Vielleicht geht es gar nicht darum, verstanden zu werden. Vielleicht geht es darum, sich selbst nicht mehr zu verleugnen.

Er will die Worte „normal“ und „anders“ aus seinem Vokabular streichen. Stattdessen es seine Art zu sein nennen, neurodivergent halt.. Und eines Tages, als ein Mitschüler ihn wieder mit skeptischem Blick fragt: „Warum machst du alles so kompliziert?“, zuckte Sherlock nur die Schultern. „Weil ich es kann.“

Die Ablehnung der anderen schmerzt noch. Aber er hat etwas gefunden, das niemand ihm nehmen kann: den eigenen Rhythmus. Die Gewissheit, dass sein Verstand kein Fluch ist, sondern einfach sein Zuhause.

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Die Wichtigkeit des Unwichtigen

Stellen wir uns vor, ich wäre ein unheimlich pedantischer Mensch – einer, der alles in seinem Leben organisiert. Meine Wohnung, meine Bücher, meine Arbeitsmaterialien … einfach alles. Nach einiger Zeit würde ich sicherlich auch anfangen, mein Gehirn zu ordnen. Schön verschachtelt, alles an seinem Platz.

Doch sobald ich damit beginne, mein Gehirn zu strukturieren, könnte es problematisch werden. Denn jeder neue Gedanke, der auftaucht, jede Frage, die mich beschäftigt, jede Aufgabe, die mir gestellt wird – alles müsste dieser strengen Ordnung unterworfen werden. Selbst ein einziger Gedanke würde geprüft, durchgecheckt und verortet: Wo gehört er hin? Welche anderen Gedanken stehen damit in Verbindung? Was muss noch bedacht werden, bevor er eingeordnet wird?

In diesem System hat alles seinen festen Platz – alles ist gleichberechtigt angeordnet. Es gibt kein Oben oder Unten, kein Wichtiger oder Unwichtiger, kein Interessant oder Unsinnig …

Wenn ich also einen Text erhalte, den ich lesen, bewerten oder kritisieren soll, kann ich kaum noch zwischen Wesentlichem und Unwesentlichem unterscheiden. Alles erscheint mir bedeutsam, alles scheint erwähnenswert. Ob ein Gedanke falsch formuliert ist oder fünf Kommas fehlen – beides hat dieselbe Relevanz.

Wenn wir uns das in Ruhe durch den Kopf gehen lassen, dann wissen wir – oder können zumindest erahnen –, wie es Sherlock geht. Er muss sich ständig mit solchen Dingen auseinandersetzen.

Sherlock registriert alles in seinem unerbittlichen System: jedes Staubkorn, jedes Zucken eines Augenlids, jede Unstimmigkeit im Stoffmuster eines Mantels . Doch was andere bewundern mögen, ist in Wahrheit ein subtiler Fluch. Sein Geist funktioniert wie eine Maschine: präzise, unbestechlich, aber auch gnadenlos. Während neurotypische Menschen instinktiv filtern – „Das ist wichtig … das ignoriere ich“ –, muss Sherlock bewusst entscheiden, was er ausschließt. Und diese Entscheidung ist für ihn erschöpfender als das Beobachten selbst.

Der Preis der Klarheit: Jede Unterhaltung wird zur Analyse, jeder Mensch zum Puzzle. Selbst Watsons treue Freundschaft muss Sherlock erst entschlüsseln, bevor er sie einfach genießen kann.
Die Angst vor Leere: Wenn kein Fall da ist, bleibt nur das Rauschen der Details. Ohne ein Problem, das er zerlegen kann, wird sein eigener Geist zum Feind.
Das Misstrauen gegen Intuition: Sherlock verachtet, was er „Zufall“ nennt. Doch manchmal, ganz selten, beneidet er die Leichtigkeit, mit der andere Menschen ahnen, statt zu berechnen.

Das Gehirn ist ein leerer Dachboden“, sagt der literarische Sherlock Holmes zu Watson. Aber unser Sherlock verschweigt – wie sein literarisches Alter Ego -, dass er selbst darin gefangen ist – zwischen akribisch sortierten Fakten und der unerfüllten Sehnsucht, einfach mal etwas nicht zu denken.

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Zettelkasten

wer kennt sie nicht, die Zettel, auf die wir das schreiben, das wir auf gar keinen Fall vergessen wollen, was aber dann – ganz sicher aufbewahrt – irgendwo verschwindet. Ähnlich ist es mit den Dingen die wir uns vornehmen zu besprechen. Kommt dann das Gespräch fällt uns Verdammtnochmal nichts mehr ein.

Sherlock mit seinem schlauen Kopf vergisst zwar äußerst wenig, aber in Gesprächen fehlt es dann doch oft an den passenden Worten. Also werden von Zeit zu Zeit über die Woche hin Zettel wie dieser geschrieben und im Gespräch dann Watson in die Hand gedrückt, so dass gemeinsam etwas Gutes zustande kommen kann.


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Der Elefant

Der Elefant ist blau … und er kann fliegen!

Dieser fliegende Elefant ist zu einem wichtigen Bestandteil unserer therapeutischen Sitzungen geworden. Ursprünglich wurde er eingeführt, um die Kommunikation zwischen Sheldon, einem neurodivergenten Jugendlichen, und Watson, seinem Therapeuten, zu erleichtern. Der Elefant dient als Metapher und kreatives Instrument, um sowohl verbale als auch emotionale Barrieren zu überwinden. Durch diese spielerische Visualisierung wird es Sherlock ermöglicht, seine Gedanken und Gefühle freier zu äußern, was die therapeutische Beziehung vertieft und aufrechterhält.

Der fliegende Elefant ist mehr als nur ein Symbol – er ist ein therapeutisches Werkzeug, das die Kreativität und Vorstellungskraft von Sherlock fördert, ihm hilft, komplexe emotionale Themen anzugehen, und eine Brücke zu Verständnis und Empathie baut. Sherlock, als neurodivergent, erlebt seine Welt auf einzigartige Weise, und der blaue Elefant unterstützt ihn dabei, diese Welt verständlich zu kommunizieren.

In unseren Sitzungen hat der Elefant eine eigene Identität und trägt zur Schaffung eines sicheren Raums bei, in dem Sherlock sich öffnen und neue Perspektiven entwickeln kann. Die metaphorische Vorstellungskraft, die der Elefant bringt, fördert nicht nur die Interaktion, sondern unterstützt auch die Entwicklung von Lösungsansätzen für alltägliche Herausforderungen.

(Spaßeshalber ist bei uns sogar der Gedanke entstanden, dass wir auf die Frage, was wir während unserer Treffen tun, antworten würden: Hier fliegen blaue Elefanten! Dieser spielerische Ansatz verleiht der Therapie eine Leichtigkeit, die es Sherlock ermöglicht, offen und neugierig zu bleiben, während er in seiner eigenen Geschwindigkeit lernt und wächst.)

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Nonsensgespräche

Vor noch gar nicht langer Zeit haben wir einmal über Spaß und Ernst gesprochen und meine Frage, ob Sherlock nicht irgendetwas einfach nur aus Spaß machen könne, wurde mit einem energischen „Nein!“ beantwortet. Auch in der Zeit davor, eigentlich den Jahren davor, war Spaß, „einfach nur so“, etwas eher Abwegiges.

Heute nun stellt sich heraus, dass dieses „Nein!“ Risse bekommen hat. wir haben sicher eine Stunde lang absolut dämliche Nonsensegespräche geführt und uns beide dabei sehr amüsiert. Dazu muss ich allerdings auch sagen, dass wir einen großen Vorteil haben … Sherlock und Watson stehen sich in Augenhöhe gegenüber, es gibt kein drüber oder drunter, keine Abhängigkeiten, was uns vieles erleichtert.

Diese Nonsensgespräche sind ein übersteigerter Ausdruck dessen, was immer wieder ein neurodivergentes Gehirn beschäftigt. Es sind die Fragen nach dem was?, wenn? wie? warum?- Fragen, die ein neurodivergentes Gehirn bei sehr vielen Gelegenheiten, Entscheidungen beschäftigen.

Es wird sicher nicht das letzte Nonsensgespräch gewesen sein.

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