{"id":637,"date":"2025-11-28T13:19:38","date_gmt":"2025-11-28T13:19:38","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.kj-psychotherapie-saloga.de\/Watson\/?p=637"},"modified":"2025-11-28T13:19:38","modified_gmt":"2025-11-28T13:19:38","slug":"ein-neurodivergenter-kaefig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.kj-psychotherapie-saloga.de\/Watson\/uncategorized\/ein-neurodivergenter-kaefig\/","title":{"rendered":"Ein (neurodivergenter) K\u00e4fig?"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-left\">Vor kurzem haben wir uns \u00fcber das sogenannte &#8222;autistische Gef\u00e4ngnis&#8220;  unterhalten. Ein Konstrukt, mit dem man versucht, die Situation eines neurodivergenten Menschen zu beschreiben, vielleicht manchmal auch zu erkl\u00e4ren&#8230;<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"636\" height=\"900\" src=\"http:\/\/blog.kj-psychotherapie-saloga.de\/Watson\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Bild-10.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-699\" style=\"width:136px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/blog.kj-psychotherapie-saloga.de\/Watson\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Bild-10.jpeg 636w, https:\/\/blog.kj-psychotherapie-saloga.de\/Watson\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Bild-10-212x300.jpeg 212w\" sizes=\"auto, (max-width: 636px) 100vw, 636px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">Dabei haben wir wieder einmal bemerkt, dass Sherlock sich ja tats\u00e4chlich manchmal wie in einer Art &#8222;Gef\u00e4ngnis&#8220; f\u00fchlt &#8211; und das in gewisser Weise durchaus real ist. Es ist n\u00e4mlich das Produkt einer Diskrepanz zwischen seinem neurodivergenten Sein (und Erleben!) und einer neurotypisch gestalteten Welt. Die W\u00e4nde dieses &#8222;K\u00e4figs&#8220; sind aus sozialen Normen gemauert: der Blick, die angemessene Tonlage, die implizite Bedeutung hinter einer flapsigen Bemerkung &#8211; all das muss m\u00fchsam im Kopf diskutiert und geordnet werden, geordnet wie in einer gro\u00dfen Lagerhalle, in der ein Gabelstapler &#8222;regiert&#8220;: die Gedanken werden ordentlich in bestimmten Regalen untergebracht: <em>Dieser Gedanke geh\u00f6rt hierhin &#8230; und der? &#8211; der geh\u00f6rt in das Regal rechts oben<\/em> &#8230;usw.<br>(der neurotypische Mensch legt seine Gedanken in seiner &#8222;Lagerhalle&#8220; einfach irgendwo hin.)<br><br>\u00a0Doch dieses Gef\u00e4ngnis hat nicht nur soziale, sondern auch sensorische Gitterst\u00e4be. Die Welt dringt ungefiltert herein, das Ticken der Uhr wird zum dr\u00f6hnenden Donner, das Etikett im T-Shirt f\u00fchlt sich an wie Schmirgelpapier, der Duft eines Parfums w\u00fcrgt die Luft ab. Was f\u00fcr andere kaum wahrnehmbar ist, kann f\u00fcr den neurodivergenten Sherlock eine schmerzhafte \u00dcberflutung sein. So wird die Umwelt zu einem Schlachtfeld der Sinne, vor dem er sich st\u00e4ndig sch\u00fctzen muss. <\/p>\n\n\n\n<p>Und seit einiger Zeit sind wir gemeinsam bem\u00fcht, den\/die Schl\u00fcssel zu diesem K\u00e4fig zu basteln bzw. zu finden. Wir betrachten den K\u00e4fig von mehren Seiten, aus verschiedenen Perspektiven, von aussen und innen. Innen n\u00e4mlich entsteht der internalisierte K\u00e4fig: durch jahrelange Korrekturen, Unverst\u00e4ndnis und den st\u00e4ndigen Druck, sich anzupassen, wurde die Botschaft, dass etwas nicht stimme, quasi verinnerlicht mit Selbstzweifeln, dem Unterdr\u00fccken eigener Bed\u00fcrfnisse und sich f\u00fcr das Anderssein zu sch\u00e4men. Dieser innere Zensor ist gnadenlos. Er fl\u00fcstert, dass man nicht richtig ist, dass man zu anstrengend, zu empfindlich, zu kompliziert ist. Dieser internalisierte K\u00e4fig kann st\u00e4rker sein als jeder \u00e4u\u00dfere, denn er raubt einem die Freiheit, man selbst zu sein, sogar im eigenen Denken.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"200\" height=\"200\" src=\"http:\/\/blog.kj-psychotherapie-saloga.de\/Watson\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Bild-3-e1763371766564.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-644\" style=\"width:149px;height:auto\"\/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Der Schl\u00fcssel liegt nicht in &#8222;Heilung&#8220;! Ein Ausbruch bedeutet nicht &#8222;reparieren&#8220;! Es ist kein Gef\u00e4ngnis, das von einer Krankheit stammt, sondern eines, das von einer Welt gebaut wurde, die prim\u00e4r nicht f\u00fcr neurodivergente Menschen gemacht ist. Ein Ausbruch aus diesem Gef\u00e4ngnis meint: die Suche nach Verst\u00e4ndnis, die Akzeptanz und Anpassung der Umwelt Sherlock gegen\u00fcber&#8230; allen neurodivergenten Menschen gegen\u00fcber. Der Schl\u00fcssel liegt in ruhigen R\u00e4umen, klarer Kommunikation, der Wertsch\u00e4tzung f\u00fcr spezifische St\u00e4rken und auch Schw\u00e4chen und dem Recht, sich zur\u00fcckziehen zu d\u00fcrfen, psychisch oder physisch, ohne daf\u00fcr verurteilt zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies zu erkennen, bedeutet, als einzelner, als Gesellschaft die Verantwortung zu \u00fcbernehmen, den K\u00e4fig nicht zu verst\u00e4rken, sondern seine Gitterst\u00e4be St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck zu durchtrennen. Es geht darum, eine Welt zu schaffen, in der der K\u00e4fig keine T\u00fcr mehr hat, weil er nicht mehr gebraucht wird \u2013 eine Welt, in der Unterschiedlichkeit nicht eingesperrt, sondern willkommen gehei\u00dfen wird.<\/p>\n\n\n\n<p><br><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor kurzem haben wir uns \u00fcber das sogenannte &#8222;autistische Gef\u00e4ngnis&#8220; unterhalten. 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