Die Kerze des Täters

„Das Einzige, was für den Triumph des Bösen notwendig ist, ist die Tatenlosigkeit der Guten“ (Edmund Burke)

 

So oft die Sprache auf das The­ma der ju­gendlichen Gewalt kommt, fällt mir die Ker­ze ein, die Kerze für den Täter bei der Trau­erfeier in Er­furt. Sie ließ sich beim besten Willen nicht ent­zünden – so als wollte der Schüler auch nach seinem Tod nichts mit den anderen zu tun ha­ben,  als wollte er sagen: ich brauche euer scheinheiliges, vor schlechtem Gewissen triefendes Mitgefühl nicht! Ich hätte euch vorher gebraucht, jetzt habt ihr wenigstens Ruhe!

Liest man den Ab­schiedsbrief des Schülers Sebastian B. in Emsdetten, dann tauchen ähn­liche Gedan­ken auf: Ent­täuschung über und Wut auf eine von Geld, Macht und Stärke geprägte Gesellschaft, in der der Einzelne mit seinen Schwächen, seiner Not nicht zählt.

 

Was ist das für eine Not, die junge Menschen dazu bringt, das Leben anderer und das ei­gene zu vernichten?

Ich gehe dabei mal von dem Gedanken der Not aus, weil er mir stimmig erscheint und weil meine langjährige intensive Beschäfti­gung mit jungen Menschen eher einen Le­benswillen, selbst in schwierigen Situatio­nen, erkennen lässt, als den Willen zu ster­ben.

 

Nicht selten wird jungen Menschen gesagt: Nimm dir ein Beispiel an… –

Was, wenn sie es nun tatsächlich tun? Wenn sie sich ein Beispiel nehmen an den Erwachsenen, de­nen, die sie führen und erziehen, ihren El­tern, und denen, die die Richtlinien dieses Staates bestimmen, den Politikern!

Eltern trennen sich, sie „verwirklichen“ sich, sie betrügen den Ehepartner und das Finanzamt, schenken den Kindern Spielzeugwaffen und verlangen gleichzeitig Geset­zestreue, Gehorsam und Gewaltfreiheit von ihren Kids. –

Die Politiker reden, oft nur zur Selbstdarstellung, sind der Realität der Bürger ihres Landes ent­rückt, haben keinen Bezug und kein Interes­se. Sparen sie, so fangen sie nicht beispiel­haft bei sich selbst, sondern bei den jungen Menschen an, nehmen ihnen Hilfen und Frei­zeitangebote. Sie führen Kriege, schlachten ab, treten Menschenrechte mit Füßen und reden in Feierstunden salbungsvoll von Frie­den, Gewaltverzicht, Toleranz und ähnlich schönen Dingen.

Müssen, ja dürfen wir uns dann wundern über Sätze wie:

Aber dann bin ich aufgewacht! Ich erkann­te, dass die Welt wie sie mir erschien nicht existiert, das sie eine Illusion war, die haupt­sächlich von den Medien erzeugt wurde. Ich merkte mehr und mehr in was für einer Welt ich mich befand. Eine Welt in der Geld alles regiert, selbst in der Schule ging es nur dar­um. Man musste das neueste Handy haben, die neuesten Klamotten, und die „richtigen“ Freunde. Hat man eines davon nicht, ist man es nicht wert, beachtet zu werden.“

Ein Beispiel nehmen also….

 

Was, wenn junge Menschen die ihnen garan­tierten Menschenrechte ernst nehmen und einfordern? Das Recht auf Gleichbehand­lung, das Recht auf Gesundheit, das Recht auf Bildung, das Recht auf Spiel und Freizeit, das Recht auf freie Meinungsäußerung, In­formation und Gehör, das Recht auf gewalt­freie Erziehung, das Recht auf Schutz vor wirtschaftlicher und sexueller Ausbeutung, das Recht auf Schutz im Krieg und auf der Flucht, das Recht auf elterliche Fürsorge und das Recht auf Betreuung bei Behinderung.

Wie jüngst mehrmals erlebt, können sich die jungen Menschen nicht darauf verlassen. Eine große Zahl von ihnen muss sich selbst schützen oder zugrunde gehen! Solange für Tiere in unserem Land mehr bewegt werden kann als für Menschen, solange man Kinder irgendwo in der Welt kaufen und verkaufen kann, solange jungen und jüngsten Menschen grausame, jede Menschlichkeit vergessende seelische und körperliche Schmerzen zugefügt werden, solange die Pflicht nicht mit sondern vor dem Recht kommt – solange kann mit diesen Rechten der Menschen, Rechten der Kinder irgendetwas nicht stimmen…

Wundern uns dann Sätze wie:

Das Leben wie es heute täglich stattfindet ist wohl das armseligste was die Welt zu bieten hat!“

Rechte einfordern also…

 

Was, wenn man hinter die vordergründige Gewalt der Jugend schaut und die Erwachse­nen entdeckt, wie sie mit Mühe ihre Aggres­sionen unterdrücken, wie sie für ihre eige­nen, kaum integrierten verbotenen Impulse eine Ersatzbefriedigung im Ausagieren des Jugendlichen finden, und zwar eben durch die beschriebene unbewußte Toleranz und Inkonsistenz dem Jugendlichen gegenüber in diesen Verhaltensbereichen. Während die Erwachsenen die Jugendlichen ausdrücklich kritisieren und auch bestrafen, unterstützen sie irgendwie die Fortdauer gerade des Verhaltens, das sie kritisieren. Die Erwachsenen schrecken vor dem eigenen Konflikt mit der Umwelt zurück, halten ihn aber wach in einem Stellvertreter oder „Sündenbock“, der schließlich Garant ihrer eigenen bedrohten Anpassung wird. Die Strafen, das Schreien nach Strafrechtsverschärfungen, nach Verbot … dienen dabei nur der Selbstberuhigung und der Fes­tigung der eigenen Kontrolle.

 

Was, wenn die jungen Menschen, frustriert, entmutigt, enttäuscht, ihre Computerspiele  einstampfen und die Aktion auf die Stra­ße verlegen? Nicht mehr aggressive Spiele am PC, sondern (noch) mehr auf der Straße… Wird sich die Industrie dann schnell etwas Neues einfallen lassen oder gehen dann PC-Spiele-Firmen pleite? Oder, noch besser, werden dann alle Jugendlichen brav?

Wenn jetzt jemand meint, diese letzte Argumenta­tion sei absurd, dann hat er sicherlich recht…das träfe dann aber auch auf die lei­dige PC-Gewaltspiele-Diskussion zu…

 

Aber der Gedanke, dass junge Men­schen dem Aufruf „Werdet endlich wach – geht auf die Straße!“ folgen, hat etwas Be­zwingendes. Was würde passieren mit/in die­sem Staat, wenn sie nur in passivem Widerstand auf die Straße gehen, nichts tun und nur lahm legen würden, solange bis etwas geschieht, wirklich geschieht, nicht schön geredet, sondern verändert!

Und: würde etwas geschehen für die Jugend oder eher gegen sie?

Eine Phantasie, die man nicht weiter denken mag, die aber die Verantwortlichen, die El­tern, die Politiker, die im Sozialdienst Täti­gen einmal durchdenken sollten.

 

Was ist mit den vielen Tausenden, deren Hoffnung und Vertrauen, ja Selbstvertrauen, zerstört wurde ?

 

Kein Verantwortlicher, wo auch immer im so­zialen oder politischen Bereich und keine betroffenen El­tern dürften ruhig schlafen können, solange es junge Menschen gibt, die andere und sich selbst töten, um auf ihre Not aufmerksam zu machen:

 

„Wenn man weiß, dass man in seinem Le­ben nicht mehr glücklich werden kann und sich von Tag zu Tag die Gründe dafür häu­fen, dann bleibt einem nichts anderes übrig als aus diesem Leben zu verschwinden.“

 

(Die Zitate wurden dem Abschiedsbrief von Sebastian B entnommen)