16 Jahre Zweigstelle – ein Rückblick

16 Jahre Hasenbergl-Nord – 16 Jahre therapeutische Basisarbeit
Ein Rückblick 1999 – 2015

Als ich 1999 meine Arbeit in diesem „sozialen Brennpunkt“ begann, war mir nur annähernd klar, auf was ich mich da einlassen würde und sicher nicht, dass ich erst 16 Jahre später wieder gehen würde.
-(Ich war zwar mehrere Jahre vorher, damals fuhr noch eine Strassenbahn bis zur Aschenbrennerstr, schon mal dort oben, damals aber als Supervisor in einem Kindergarten)-
Ich hatte die Erfahrung von schon 14 Jahren freiberuflicher Tätigkeit als Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut, Arbeit in und mit verschiedenen Einrichtungen der Jugendhilfe – aber jetzt ging es darum, dass therapeutische Arbeit – „sogar“ tiefenpsychologische (!) – auch bei jungen Menschen mit dem denkbar schlechtesten „Image“ da sein kann und da sein muss! Arbeit nach dem Grundsatz: „Ein junger Mensch braucht unsere Unterstützung am meisten, wenn er sie am wenigsten verdient!“

„Oh, ein Idealist“, denken vielleicht viele, „ein Träumer“ meine therapeutischen Kollegen und Kolleginnen. Aber müssen wir als Psychotherapeuten, gleich welcher Richtung, nicht immer auch Idealisten sein? Gilt nicht hier wie in vielen anderen Disziplinen, hier aber besonders: „die Psychotherapie ist für den Menschen da, nicht der Mensch für die Psychotherapie!“
„Seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche“, Worte von Ernesto „Che“ Guevara und ein Revolutionär, ein Idealist, ein Träumer kann wohl so etwas mit Überzeugung sagen. Vielleicht zähle ich mich dazu, dieser Satz ist mir sozusagen zu einem Leitmotiv geworden. Die Therapie mit Kindern und Jugendlichen ist in ihrer sich ständig wechselnden Entwicklung wie ein „Aufspringen auf einen fahrenden Schnellzug“. Realistisch betrachtet, etwas Unmögliches! Und trotzdem macht gerade das einen Teil des Reizes unserer Arbeit aus.

Zurück zum Ort des Geschehens!
Dieses Mal wollte ich hauptsächlich als Therapeut im Hasenbergl arbeiten, die 1999 noch voll dort tätigen Erziehungsberatungsstellen der Stadt und der Diakonie nahmen mich als Gast auf und stellten mir (anfangs an einem, später dann an zwei Tagen/Woche) ihre Räume zur Verfügung. Und somit verlagerte ich einen Teil meiner Arbeit von meiner Praxis in Forstenried in den Norden Münchens. Hasenbergl-Nord ist ein sozial gesehen sehr problematischer Stadtteil, etwa 450 Obdachlosenunterkünfte, ansonsten Sozialwohnungen, Ausländeranteil 40-50 %, Arbeitslosigkeit, Alkoholismus, Gewalt prägen das Bild. Die EB befindet sich mitten drin…

Diese 16 Jahre gehören zu den intensivsten und lehrreichen meiner 30jährigen beruflichen Tätigkeit. Und ich bin demütig geworden in dem Sinn, dass ich gelernt habe, kleine Brötchen zu backen, die Erwartungen an „Erfolg“, aber auch an die jungen Menschen in diesem speziellen Arbeitsbereich niedrig zu halten. Dass das nicht gleichbedeutend ist mit Frustration oder Aufgabe beruflicher Grundsätze, das zeigen die Arbeit, die positiven Rückmeldungen aus allen Richtungen, aber auch die Entwicklungsschritte der Kinder, Jugendlichen und ihrer Familien. Nicht zuletzt aber die Freude am Tun.

Die Frage, die mir von verschiedensten Seiten immer wieder gestellt wurde: „Warum ausgerechnet da?“, „Warum tust du dir das an?“. Darauf habe ich immer wieder nur die Antwort, dass alle Menschen die Möglichkeit haben müssen, Hilfe nicht nur im medizinischen, sondern auch im psychologisch/psychotherapeutischen Bereich zu bekommen. Alle haben das Recht auf ein Leben in Würde und dazu gehört für mich die menschliche Unterstützung. Und die darf nicht primär von Zeit und Geld abhängig gemacht werden, sondern vom Bedarf an Hilfe und Zuwendung. Klar, es bedarf eines Mehr an Aufwand, viele Dinge, die bei Familien in Forstenried oder Bogenhausen selbstverständlich sind, sind es hier nicht. Ganz viel des Verhaltens der Familien hier ist geprägt von Angst und Unsicherheit, sowohl was ihre finanzielle und soziale Situation angeht, aber auch hinsichtlich eines möglichen Eingreifens staatlicher Stellen. Es hat verständlicherweise eine ganze Weile gedauert bis ich mich von dieser Angst und dem Misstrauen befreien konnte.
„Hier oben“ pflegen junge Menschen Ratschläge nicht zu beherzigen, solange sie das Gefühl haben, der Ratgeber gehöre nicht der Welt an, in der sie selbst leben. Zu groß ist die Barriere zwischen ihnen und dem angeblich gesetzestreuen und ehrbaren Teil der Gesellschaft. Nach meiner eigenen Erfahrung und meinem Erleben mit jungen Menschen, scheint mir, dass gerade die teilweise Identifikation mit den Menschen und ihrem Leben, ihren Problemen einen charakteristischen, unentbehrlichen Faktor einer erfolgreichen Arbeit darstellt.

Etwas anderes, für erfolgreiche Arbeit notwendiges habe ich noch gelernt in dieser Zeit:
es bedarf eines Netzes, das gespannt wird für die Menschen, junge wie erwachsene wie Familien. Menschen, die „durchs offizielle Netz fallen“, brauchen ein Hilfs-Netz aus Einrichtungen, Sozialarbeitern, Schulsozialarbeit, Therapeuten, Ärzten. Jede Einzelarbeit wäre letztendlich erfolglos. Für diese Zusammenarbeit möchte ich allen danken, besonders dafür, dass sie meine oft „schrägen“, unkonventionellen Ideen angehört, diskutiert und mitgetragen haben.